Spiritualität

Spiritualität

Die spirituelle Suche ist eine Reise,
die keine Entfernung überwindet.
Man reist von dort, wo man sich gerade befindet,
dahin, wo man schon immer war.
Von Unwissenheit zur Erkenntnis,
denn man sieht jetzt zum ersten Mal,
was man schon immer vor Augen hatte.

Wer hörte je von einem Pfad,
der zu Dir selber führt.
Oder von einer Schule,
die Dich so formt,
wie Du schon immer warst?
Spiritualität bedeutet schließlich nur,
das zu werden, was Du wirklich bist.    (Anthony de Mello)

Was ist Spiritualität? Diese Frage wurde und wird mir immer wieder gestellt. Ich kann darauf nur mit meinen Erfahrungen und Geschichten aus meinem Leben antworten, die mich zu meiner Spiritualität führten, bzw. die Spiritualität in mir erwachen und mich als Menschen wachsen ließ. Im Kontext meiner Tätigkeit als Psychotherapeut möchte ich hier Spiritualität unter dem Gesichtspunkt von Gesundheit in einem Zitat von Jerome Dollard wiedergeben:
„Spiritualität ist der Gesundheit in vielem ähnlich. Wir alle besitzen Gesundheit; sie kann gut oder schlecht sein, aber irgendeine Gesundheit haben wir auf alle Fälle. Dasselbe gilt für Spiritualität: Jedes menschliche Wesen ist ein geistiges Wesen. Die Frage ist also nicht, ob wir >Spiritualität haben<, sondern ob diese Spiritualität eine negative ist, die zur Isolation und Selbstzerstörung führt, oder eine positive, die Leben spendet, uns mit dem Leben verbindet.“

Zeitlose Weisheit legt uns nahe, dass Spiritualität nicht bewiesen werden kann. Sie kann nicht definiert werden, sie ist buchstäblich unfassbar, unbeschreiblich und an nichts festzumachen. Ein Verlangen nach Perfektion ist dabei nicht eingeschlossen: im Paradoxen verwurzelt ist Spiritualität ein Schrei nach Hilfe. Indem wir Hilfe suchen geben wir unsere eigene Machtlosigkeit zu. Und aus diesem Annehmen und dem Zulassen des Eingeständnisses, dass wir keine Kontrolle über uns haben und machtlos sind, wird Spiritualität geboren. Wir haben einfach nicht auf alles eine Antwort. Die Realisierung dieses Mangels an Kontrolle, die einfache Wahrheit unserer Machtlosigkeit angesichts dieser Tatsache, eröffnet die grundlegende geistige Einsicht, dass eine „kenosis“ bitter notwendig ist – das ist ein altgriechisches Wort für „leer machen“. In moderner Sprache betont „kenosis“ die Notwendigkeit des „Kapitulierens“. Dieser Prozess der „kenosis“, in dem wir merken, dass da nichts mehr ist, des Tiefpunkts, vor dem wir kapitulieren, führt zu der Erkenntnis, dass wir verloren sind, wenn wir versuchen, das Problem alleine zu lösen. Das Begreifen dieser Erfahrung, dass ich „unvollkommen“ bin, beginnt mit der Einsicht und der Zurückweisung meiner menschlichen Ansprüche, selbst „Gott/Göttin“ zu sein. Und genau hier beginnt jener Bereich in uns zu erwachen und zu wirken, den ich Spiritualität nenne. Doch dieses Erwachen ist nicht möglich, wenn unser Herz verschlossen ist.

Schauen wir uns das obige Bild nochmals an: Da ist ein Vater, der seinem Sohn, den er auf dem Arm trägt, diese wunderbare Schöpfung zeigt. Überwältigt davon mag beiden eine tiefe Ehrfurcht und ein ergriffenes Staunen erfassen, sind beide in ihren Herzen berührt, weil diese weit offen sind. Das Kind und der Erwachsene werden Zeuge des Ausdrucks einer Kraft größer als sie selbst. In diesem Bild liegt so viel Andacht, so viel Zärtlichkeit und Würde. Wären die Herzen des Vaters und des Sohnes verschlossen – sie würden beide achtlos daran vorbei gehen, unberührt und getrennt von all der Schönheit dieses Augenblicks. Weil sie aber sich mit ihren offen Herzen berühren lassen, sind sie verbunden mit dem Moment und durch das gemeinsame Erleben auch verbunden miteinander. Jetzt fließt jene Kraft, die wir Liebe nennen. Es ist die Liebe zu und in uns selbst, zum und im anderen Menschen und zum Leben. Das ist es, was wir letztendlich suchen, was uns wachsen und reifen lässt. Immer und immer wieder. Und dies ist für mich Ausdruck, Ziel und Sinn einer zutiefst menschlichen Spiritualität. Wir wollen lieben und geliebt werden. Nicht in einem narzistischen Sinn sondern aus uns heraus und in uns hinein. Und es ist so schwer dorthin zu gelangen, verlangt soviel Mut und Durchhaltevermögen, Demut, Ehrlichkeit und Geduld.